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20.01.2014

Rückblick auf die Fachforen Konversion zu «Natur & Landschaft« am 03.12.2013

Umwelt- und Naturschutz, Freiraum- und Grünflächenentwicklung haben sich im Rahmen des Beteiligungsprozesses als wichtige Themen der Konversionsentwicklung herauskristallisiert. Da es sich um komplexe Sachfragen handelt, wurden Bamberger Expertinnen und Experten eingeladen, diese Themen in dem sogenannten Fachforum „Natur & Landschaft“ transparent und öffentlich zu diskutieren. Zentrale Fragestellung des Fachforums war, wie Natur und Landschaft im Zusammenhang mit der Konversion zukünftig entwickelt werden sollen.

Nach der Begrüßung der Teilnehmenden durch Ralf Haupt, Sozial- und Umweltreferent der Stadt Bamberg, führte Leonhard Valier in die Themenstellung des Fachforums ein.

Impulsreferat: Prof. Gerd Aufmkolk, WGF Nürnberg

Der externe Referent Gerd Aufmkolk referierte über drei aus Sicht der Grünflächenentwicklung erfolgreiche Konversionsbeispiele. Er gab den Teilnehmenden Anregungen mit auf den Weg wie sich Entwicklungen in neuen Stadtgebieten durch die Entwicklung von Frei- und Grünräumen in Gang bringen lassen. Auch mit einfachsten Mitteln ließe sich eine gebrauchsfähige und robuste Landschaft herstellen. Gleichzeitig sei die Freiraumentwicklung auch für die bauliche Entwicklung eines Quartiers wichtig –Wohnanlagen mit ausreichenden Grünflächen steigern die Attraktivität. Dabei müsse man im Rahmen einer Konversion „unkonventionell denken“.

Nicht jede Fläche könne wiederbesiedelt werden. Neben den A-Flächen, deren Nachnutzung kein Problem darstelle, gebe es auch B-Flächen, für die bestimmte Impulse beispielsweise über die Freiraumgestaltung gesetzt werden müssten, und die sogenannten C-Flächen, die nicht wieder genutzt werden könnten. Gerade diese Flächen böten besondere ökologische Potenziale. Die Konversion stelle also eine große Chance für die Umwelt- und Naturentwicklung dar und die Stadt könne sich ein regelrechtes „Öko-Konto“ anlegen.

Impulsreferat: Prof. Dr. Ing. Regine Keller, Technische Universität München

In dem folgenden Input von Regine Keller standen vor allem die Umwandlungsprozesse im Vordergrund. Die Öffnung ehemals nicht zugänglicher Flächen erfordere eine regelrechte „Umprogrammierung“ der Wahrnehmung dieser in der Stadtgesellschaft. Zu Beginn stehe eine „Spurensuche, um diesen neuen Ort überhaupt zu kreieren“. Anhand einiger Beispiele zeigte sie, dass Prozesse der Inbesitznahme solcher neuen Flächen viele Jahre dauern und einen langen Atem erfordern. Es brauche Geduld und Zeit bis man etwa einen neuen Park „lieb gewonnen“ habe und er „Patina“ bekommen habe.
In vielen der von ihr gezeigten Projekte gab es Zwischennutzungen – ein hilfreiches Mittel bei der schrittweisen Inbesitznahme unbekannter Quartiere. Dabei könne ein dynamischer Rahmenplan als Instrument genutzt und die Etablierung temporärer Nutzungen zu unerwünschten Dauernutzungen ausgeschlossen werden. Letztlich sei der Prozess das Entscheidende zur Entwicklung einer Konversion und nur durch „Experimente“ hätte in der Vergangenheit der Städtebau weiterentwickelt werden können.

Diskussion

In der anschließenden Diskussion wurden viele der von den Referenten benannten Aspekte und „Mut machenden Beispiele“ von der Expertenrunde und den an der Diskussion beteiligten Bürgerinnen und Bürgern aufgegriffen und deren Übertragbarkeit auf Bamberg diskutiert. Folgende wesentliche Punkte wurden diskutiert:

Flächenrecycling

Im Sinne des Umwelt- und Naturschutzes sei es eine „Großtat“, neue Wohn- und Mischquartiere nicht auf der „grünen Wiese“ zu bauen, sondern bereits in Nutzung befindliche Flächen zu recyceln. Nicht zuletzt sei auch die Bestandsentwicklung ökologischer als der Abriss und Neubau von Gebäuden. Dieser von einem teilnehmenden Bürger geäußerte Aspekt wurde noch einmal besonders deutlich, als Alexander Schenk, Stellvertretender Leiter des Amts für Strategische Entwicklung und Konversionsmanagement, der Expertenrunde einige Luftbilder zeigte. Darin war der aktuell sehr hohe Versiegelungsgrad des Geländes ersichtlich. Der Zustand nach dem Umwandlungsprozess werde sehr wahrscheinlich ökologisch deutlich besser sein als im Moment.

Vereinbarkeit von Natur- und Umweltschutz mit der Freiraum- und Siedlungsflächenentwicklung

Zum einen wurde in der Runde formuliert, dass der bisherige Umfang an Grünflächen nicht reduziert werden sollte, zum anderen müssten aber auch zusätzliche Flächen der Natur überlassen werden. Es sei zu ermitteln, wo auf dem engeren Areal sich schützenwerte Bereiche befinden. Hierfür seien die Erhebungen der Amerikaner hilfreich, doch offenbar besteht derzeit keine Chance, diese zu erhalten. Da Natur und Umwelt dynamisch sind, werden die Ergebnisse der Erhebungen bis zum endgültigen Truppenabzug wahrscheinlich veraltet sein. Insofern wird die Durchführung eigener Erkundungen erforderlich. Für die ermittelten schützenswerten Areale könnten und sollten dann „No-go-Areas“ (nicht zu betretende Flächen) definiert werden, in denen der Naturschutz oberste Priorität hat. In einem zweiten Schritt könne man dann für diese Flächen die Frage stellen, welche Nutzung dort mit dem Naturschutz gegebenenfalls vereinbar wäre. Dabei sei auch die Frage, wo in Zukunft die Siedlungsgrenze verlaufe, eine von zentraler Bedeutung. Andere sahen die Herausforderung vor allem darin, Natur- und Umweltschutz mit der Frei- und Siedlungsflächenentwicklung gemeinsam zu denken. Man solle „nicht in Inseln denken: Naturschutz hier, Bauen dort“. Gerade für den Bamberger Osten böte sich ein integriertes Konzept an. Naturschutz und Baumaßnahmen sollten grundsätzlich miteinander kombiniert werden. Grundsätzlich gelte für die Konversionsflächen, dass sie ausreichend Platz für eine bauliche aber auch für eine naturräumliche Entwicklung bieten.

Flächentausch

Es biete sich an – und so sähe es die Fortschreibung des SEK (Städtebauliches Entwicklungskonzept) auch vor –, im Gegenzug zur Konversionsentwicklung empfindliche potentielle Gewerbeflächen aus dem Flächennutzungsplan der Stadt zugunsten von Grünräumen herauszunehmen und diese dann auf dem Konversionsgelände zur Verfügung zu stellen.

Ost-West-Verbindung

Das Grün- und Freiflächensystem Bambergs sei bislang durch Nord-Süd-Verbindungen geprägt. Wenn es nun gelänge, im Rahmen der Konversion eine angemessene Ost-West-Verbindung zu schaffen, würde nicht nur der Bamberger Osten deutlich aufgewertet, sondern die Stadt als Ganzes profitieren. Ziel müsse es sein, den Hauptsmoorwald besser an die Innenstadt anzubinden, eine neue Frischluftschneise zu eröffnen und gleichzeitig den bislang abgehängten Osten stärker mit der Innenstadt zu verknüpfen. Unattraktive Bahnquerungen, wie es sie heute gäbe, reichten nicht aus. Echte Impulse wie eine große grüne Ost-West-Verbindung, eine attraktive Unterführung der Zollnerstraße, eine rein grüne Autobahnbrücke oder gar ein ganzer Park wären dafür nötig. Und auch Referent Gerd Aufmkolk riet den Bambergern in dieser Hinsicht, „nicht zu bescheiden zu sein!“ Wenn es darum gehe auch Lebensräume und naturräumliche Gegebenheiten zu verbinden, so ergänzte eine Expertin in der Runde, müsse eine solche Ost-West-Verbindung auch eine gewisse Größe aufweisen. So wäre es beispielsweise naheliegend als Pendant zu dem seit langem bestehenden Süd-Park im Hain-Gebiet und dem im Rahmen der Landesgartenschau auf dem ERBA-Gelände entwickelten Nord-Park einen Ost-Park zu schaffen. „Ein qualifiziertes Freiflächensystem ist kein Luxus für das Gebiet, sondern eine Notwendigkeit“ so fasste Gerd Aufmkolk die Diskussion zusammen.

Pflegestrategien für Grünflächen

Alexander Schenk, Stellvertretender Leiter des Amtes für Strategische Entwicklung und Konversionsmanagement, machte deutlich, dass der aktuell hohe Pflegeaufwand, den die Amerikaner etwa im Bereich der Housing Area (Wohngebiet der Kaserne) betreiben, in Zukunft nicht zu leisten sei. Benötigt werden neben guten Ideen und Visionen für einen möglichen „Idealzustand“ also auch Strategien zur Pflege neuer Grünräume. Zustimmung in der Runde erhielt der Vorschlag, sich bei der Freiraumgestaltung an den naturräumlichen Gegebenheiten zu orientieren. So seien Wald und Sandmagerrasen ortstypische Vegetationsformen, deren Pflegeintensität nicht so hoch sei und die sich daher ökologisch wie ökonomisch als sinnvoll erweisen. Es brauche nicht so viele „gemachte“ oder gar sehr „urbane“ Freiräume.

Zielgruppenspezifische Frei- und Grünraumentwicklung

Bei der Entwicklung des neuen Grün- und Freiraumsystems seien Bedürfnisse unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen zu berücksichtigen, beispielsweise die von Jugendlichen und Familien mit Kindern, ebenso aber auch von Senioren oder einkommensschwächeren Bevölkerungssichten. Insbesondere für Jugendliche gelte dabei: Freiräume nicht für Jugendliche gestalten, sondern gemeinsam mit ihnen! Von einem Teilnehmenden wurden Zwischennutzungen dafür als sinnvoll erachtet, eine andere Teilnehmerin schlug vor, die Jugendarbeit mit dem Naturschutz zu kombinieren und auf dem Konversionsgelände ein Umweltzentrum einzurichten.

Prozessorientierung und Zwischennutzungen

Man müsse den langen Zeitrahmen im Blick behalten. Nicht alles werde auf einen Schlag realisiert werden können. Regine Keller betonte noch einmal, der gesamte Prozess werde nicht linear verlaufen, sondern die große Herausforderung werde darin bestehen, „simultan“ zu arbeiten. Gerade Grün- und Freiräume benötigen lange Entwicklungskorridore. Ob oder wann das gesamte Kasernenareal dann tatsächlich entwickelt sei, könne derzeit noch nicht abgeschätzt werden. Insofern seien Teil-Inanspruchnahmen der Flächen und Zwischennutzungen durchaus sinnvoll, hieß es in der Runde. Diese sollten in der Fortschreibung des SEK abgebildet und bei der Konzept- und Strategieentwicklung berücksichtigt werden.

Rolle von Natur- und Umweltschutzbelange in integrierten Konzepten

Es wurde jedoch auch Skepsis geäußert, ob Natur- und Umweltschutzbelange immer ausreichend Beachtung fänden. Gesetzliche Vorgaben müssten selbstverständlich beachtet werden. Aber auch darüber hinaus seien umwelt- und freiraumbezogene Zielvorstellungen zu entwickeln. So müsse es eigentlich ganz im Sinne der Biodiversitätsstrategie des Bundes sein, dass Flächen, die sich im Eigentum des Bundes befinden (z.B. Muna), für diese genutzt werden, so eine Teilnehmerin. Insofern sollte die Muna aus Sicht der Umweltverbände von Bebauung freigehalten werden. Aber auch in anderen Bereichen des Konversionsgeländes sollte es Flächen geben, die der Natur überlassen werden. Für Teilbereiche wie Flugplatz und Muna sei jedoch der Eindruck entstanden, dass Entscheidungen im Hintergrund getroffen worden seien. Insbesondere gegenüber der Politik bestehe auf Seiten der Naturschutz- und Umweltverbände eine gewisse Skepsis: „Die Politik muss erst wieder Vertrauen herstellen“, so sagte ein Experte aus der Runde. Fehler aus der Vergangenheit könnten nun aber mit dem Konversionsprozess korrigiert werden. Da Bereiche wie die Muna und der Flugplatz jedoch nicht zum engeren Kasernengelände zählen, das im Rahmen des Fachforums behandelt werden sollte, bietet die Stadt an, in einem Sonderformat „Grün & Grau“ die Verfahren zur Entwicklung des Muna-Geländes mit Vertreterinnen und Vertretern der Umweltverbände und der Wirtschaft gemeinsam zum diskutieren. Dieses Sonderformat solle im Frühjahr 2014 stattfinden. Wünschenswert sei darüber hinaus, dass auch die Nutzung des gemeindefreien Gebietes diskutiert werde, hieß es in der Runde. Doch auch für das engere Konversionsgelände sollten Gesichtspunkte unterschiedlicher Akteure in Zukunft gemeinsam diskutiert werden.

Fazit

Zentrales Fazit der Diskussionsrunde war: „Wie haben unendlich viel Fläche!“ Insofern würde die Konversion genug Raum für die verschiedenen Bedürfnisse bieten und sowohl bauliche Entwicklungen als auch naturnahe und geschützte wie gebrauchsfähige und robuste Freiräume ermöglichen. Im nächsten Schritt, so waren sich die Teilnehmenden einig, sei es nötig, die Vorstellungen und Sichtweisen der unterschiedlichen Fachexperten zusammenzubringen. Einseitige Betrachtungsweisen müssen nun verlassen werden und das Grün als zentraler Bestandteil der Stadtentwicklung begriffen werden. Gerade mit Akteuren aus der Wirtschaft müsse man sich etwa über „No-go-Areas“, die eines besonderen Schutzes bedürfen, verständigen. Für die Konversionsentwicklung sollen natur- und umweltschützende Belange nicht nur verteidigt, sondern eigene naturschützende Zielvorstellungen entwickelt werden.

Filmdokumention

Impulsreferat: Prof. Gerd Aufmkolk, WGF Nürnberg

Impulsreferat: Prof. Dr. Ing. Regine Keller, Technische Universität München

Expertendiskussion

Langfassung